"Verlorene Jugendjahre" - Ein Zeitzeuge 70 Jahre nach Kriegsende


Der 89-jährige Franz Stockinger aus Aistersheim wurde mit 17 ½ Jahren 1944 zur deutschen Wehrmacht eingezogen und verbrachte nach Kriegsende zweieinhalb Jahre in russischer

Kriegsgefangenschaft. Am 7.5.2015 – genau 70 Jahre nach der deutschen Kapitulation – vermittelte er den SchülerInnen der HBLW Ried ein anschauliches Bild über die „geraubten Jugendjahre“.


Die 4 BIE der HBLW Ried setzte im heurigen Jahr ein besonderes Projekt in die Tat um. Die Schülerinnen bekamen von Mag. Maria Planitzer im Geschichteunterricht den Auftrag, anlässlich des Gedenkens an 70 Jahre Kriegsende, Zeitzeugen zu unterschiedlichen alltagshistorischen Aspekten zu interviewen. Sie befragten Bekannte und Verwandte nach dem Leben im Nationalsozialismus, nach den schrecklichen Erfahrungen an der Front, nach dem Kriegsende oder der Situation in der Landwirtschaft. Aber auch Gesichtspunkte wie Schule, ärztliche Versorgung und Kinderkriegen oder Ernährung wurden in Erfahrung gebracht.


Obwohl das Vorhaben aufgrund des fortgeschrittenen Alters möglicher Zeitzeugen nicht immer ganz einfach in die Tat umzusetzen war, wurden

beeindruckende Ergebnisse im Unterricht präsentiert. Das Leben Franz

Stockingers im Krieg und vor allem in der Kriegsgefangenschaft war dabei für die Schülerinnen von besonderem Interesse, und so wurde der 89jährige in die Schule eingeladen. Stockinger bot einen beeindruckenden und oft berührenden Einblick in sein Erleben des Kriegs und der Gefangenschaft.


Nachdem Stockinger mit 17 ½ Jahren zur deutschen Wehrmacht ins heutige Tschechien eingezogen worden war, kämpfte er in den letzten großen Schlachten gegen die Alliierten im Westen. Der vom Feuer der Geschütze rote Himmel, Weihnachten um eine kleine Kerze in einem Erdloch und Schafwollsocken, die mit der Haut zusammengefroren waren, sind prägende Eindrücke dieser letzten Phase des Krieges.


Nach der Gefangennahme im Mai 1945 wurde Stockinger mit tausenden anderen Soldaten 180 km zu Fuß nach Bratislava getrieben – bei täglich einmal einer Erbsensuppe. In Viehwaggons zusammengepfercht, bei ärgster Hitze und großem Durst, wurden die Gefangen dann nach Bryjansk, ca 200 km südlich von Moskau, gebracht. Regenwasser, das man mit Blechdosen auffing, führte zu massiven Durchfällen.


Auch das Lager in der Gefangenschaft war kein Honiglecken. Getrocknetes Gras, um auf der Holzpritsche etwas weicher zu liegen, Ratten und Wanzen waren Alltag. Als Verpflegung gab es 600g wenig nahrhaftes Brot und zwei Mal täglich eine Wassersuppe mit ein paar kleinen Rübenstückchen oder Krautfetzen.


Erinnerungen an harte Arbeit in einem Zementsilo oder bei einer Elektrobrigade im russischen Winter bei minus 25 bis minus 40°C

kommen bei Stockinger hoch. Als Hilfe, um in dieser unvorstellbaren Situation durchzuhalten, betont er das Kennenlernen anderer Gefangener, die Kameradschaft und ganz selten ein Lebenszeichen aus der Heimat. Und der 89-Jährige kann Tränen in seinen Augen nicht verbergen, als er von der Heimkehr zu Mutter und Geschwistern erzählt.


Stockinger gelingt es jedenfalls durch die Emotionalität und Intensität seiner Erfahrungen die heutige Jugend zu erreichen. Eine Schülerin

bringt es auf den Punkt:


„Ich glaube, dass die Zeit die Nationalsozialismus durch viele Filme, Texte und Fotos gut veranschaulicht wird, doch wenn ein Mensch, der dort wirklich ‚live‘ dabei war, erzählt, der den Schmerz, das Leid, den Hunger, den Durst, die Verachtung und den Hass am eigenen Leib verspürt hat – ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut – dann versteht man, wie es damals wirklich war.“


Und die Schülerinnen wissen es auch zu schätzen, dass der 89-Jährige

die Mühe des Vortrags und die emotionale Betroffenheit angesichts manchen Erinnerungen nicht scheut:


„Es war eine einzigartige Chance für uns, diese berührenden Erfahrungen zu hören. Wahrscheinlich haben wir diese Möglichkeit nie mehr. Und vor allem lernt man wieder mehr zu schätzen, dass wir in Zeiten des Friedens leben dürfen.“

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